Hintergrundinformationen zum europaweiten Aktionsmonat anlässlich des Oglala Commemoration Leonard Peltier Days 2022  

Anlässlich des diesjährigen Jahrestages des mit tödlichen Folgen verlaufenden FBI-Überfalls auf ein Schutzcamp des American Indian Movement (AIM) am 26. Juni 1975 und der daraus resultierenden über 46jährigen Inhaftierung des AIM-Aktivisten Leonard Peltier finden auch 2022 wieder in Europa zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen statt. Diverse Organisationen, wie das Comitato di Solidarietà con Leonard Peltier di Milano (Italien), das Comité de Solidarité avec les Indiens des Amériques  – CSIA-NITASSINAN (Frankreich), das Internationale Komitee für die Indigenen Amerikas –Incomindios (Schweiz),  das Comitè Solidaritat amb Leonard Peltier (Spanien/Katalonien), der Verein zur Unterstützung indigener Sozial-, Umwelt-, Kultur- & Menschenrechtsprojekte und Leonard Peltier Support Group – Tokata – LPSG RheinMain e. V, (Deutschland), regionale Gruppen der Gesellschaft für bedrohte Völker – GfbV, verschiedene lokale europäische Mumia Abu-Jamal Bündnisse, lokale Gruppen des Freundschaftsvereins Kuba-BRD sowie die European Alliance for the Self Determination of Indigenous PeopleS (ein Zusammenschluss von 7 NGOs aus 4 europäischen Staaten) rufen in dreizehn Städten zur Teilnahme an 22 Veranstaltungen und Aktionen auf. Darüber hinaus wird es Grußbotschaften an indigene Partnergruppen in den USA, Briefe an US-Präsident Joseph Biden, Zeitungsanzeigen und auch zwei Online-Präsentationen geben. Die Liste der Aktionen und Veranstaltungen befindet sich am Ende dieses Schreibens.

Zum Hintergrund:

In der ersten Hälfte der 70er Jahre führte die korrupte und unterdrückerische Regierungsform unter dem Oglala – Lakota Stammespräsidenten Richard „Dick“ Wilson in der Pine Ridge Reservation (Süd Dakota) zu einer wahren „Herrschaft des Schreckens“ (reign of terror), der vor allem traditionelle Oglala-Lakota sowie sich politisierende und für ihre Rechte engagierende Lakota zum Opfer fielen. Wilson veräußerte nicht nur widerrechtlich Land der Lakota an die US-Bundesregierung (Hintergrund: Uranvorkommen), er verbot auch jegliche sich formierende Opposition gegen seinen autokratischen Regierungsstil, unterband die Nutzung der eigenen Sprache in der Pine Ridge Reservation oder die Ausübung religiöser-spiritueller Zeremonien. Mit allen Mitteln wollte Wilson somit eine von den USA gewünschte Assimilationspolitik gegen die indigene Bevölkerung durchsetzen. Das Selbstbewusstsein traditioneller Lakota aber auch sich politisierender Bewohner*innen der Reservation standen dem nur entgegen. Eine eigens aufgebaute paramilitärische Todesschwadron, die sogenannten Guardians of Oglala Nation“ (GOONs), vorwiegend zusammengesetzt aus Mitgliedern assimilationswilliger Halbblut-Familien, waren der kriminelle Arm der Stammesregierung. Schikanen, Kontrollen, körperliche Attacken, Sachbeschädigungen Brandanschläge, Vergewaltigungen und über 60 Morde waren die zum Teil blutige Bilanz des GOON-Terrors in der Zeit zwischen 1972 und 1976.  All dies fand nicht nur unter den Augen und mit Billigung durch die Stammespolizei, Bureau of Indian Affairs-Polizei, State Troopers und FBI statt. Teilweise erhielt die Todesschwadron (so bezeichnete der AIM-Aktivist, Sänger und Schauspieler John Trudell (1946 – 2015) einst die GOONs) auch ihre Munition und Waffen durch diese Polizeibehörden. Und tatsächlich fanden bis heute, 2022, keinerlei polizeilich-juristische Untersuchungen oder gar Anklagen gegen die namentlich durchaus bekannten Beteiligten des GOON-Terrors statt.

Wounded Knee 1973 und der 26. Juni 1975:

In diesen vier Jahren riefen verzweifelte Reservatsbewohner*innen, Stammesälteste, spirituelle Führer und Häuptlinge der Oglala zweimal das AIM gegen den anhaltenden Terror um Hilfe, 1973 und 1975. 1973 führte der Hilferuf an das AIM und andere Bürgerrechtsorganisationen (OSCRO – Oglala Sioux Civil Rights Organization) dazu, dass sich mehrere hundert Reservatsbewohner*innen, darunter viele Ältere, Frauen und Kinder, gemeinsam mit AIM- und OSCRO-Aktivist*innen zu dem geschichtsträchtigen Ort Wounded Knee begaben, um diesen symbolisch zu besetzen. Durch diese Aktion sollte auf mehreres aufmerksam gemacht werden: die Verletzung der zwischen US-Regierung und den Lakota geschlossenen Verträgen von 1968 durch die USA, die anhaltende Genozidpolitik gegen Native Americans, die miserablen Lebensbedingungen in der Pine Ridge Reservation und den Terror der Stammesregierung gegen die eigene Bevölkerung. Aus der mehr oder minder spontanen und auch nur für kurzfristig angelegten Aktion wurde letztlich eine 71tägige Besetzung oder besser gesagt, militärische Belagerung der Besetzer*innen. Auch hier waren wieder neben Nationalgarde, State Troopers, Tribal Police, BIA-Police und FBI die GOONs sowie Angehörige weißer Milizen an der Belagerung beteiligt. Der Belagerung wurde unterstützt durch Helikopter- und Düsenjägereinsätze, den Einsatz von gepanzerten Fahrzeugen und Maschinengewehren, Tränengas, Scharfschützen etc. Zwei AIM-Aktivisten,  Buddy Lamont und Frank Clearwater, kamen hierbei durch gezielte Scharfschützen-Einsätze ums Leben. 1975 riefen Häuptlinge, Stammesälteste und Reservats-Bewohner*innen erneut das AIM um Hilfe, denn der Terror gerade gegen ältere Oglala-Lakota nahm wieder zu. Um die von Terror bedrohten und betroffenen Familien zu schützen, errichten die angereisten AIM-Aktivist*innen ein Schutzcamp, in das am späten Vormittag des 26. Juni 1975 die beiden FBI-Agenten Ronald Williams und Jack Coler hineinrasten (angeblich bei der Suche nach einem jungen Dieb, der Cowboy-Stiefel entwendet haben soll, allerdings ein Delikt der nicht zu den Angelegenheiten des FBIs zählt). Die Bewohner*innen des Schutzcamps, darunter viele Frauen und Kinder, aber auch andere Lakota sahen in dieser überfallartigen Attacke eine eindeutige Bedrohung ihres Lebens. Ein Schusswechsel zwischen den FBI-Agenten und Camp-Bewohner*innen sowie anderen Reservats-Bewohner*innen führte zum Tod von drei Menschen, den beiden FBI-Agenten Coler und Williams und des jungen AIM-Aktivisten Joe Stuntz, der von einem zum Scharfschützern ausgebildeten Stammespolizisten durch einen Schuss in den Rücken getötet wurde. Innerhalb weniger Minuten war das gesamte Areal umzingelt von unterschiedlichen Polizeieinheiten, GOON-Straßensperren sowie Milizen, ganz so, als hätte man diese Eskalation erwartet.

Der tragische Tod von drei Menschen wurde durch das FBI und die US-Justiz auf den Tod der beiden FBI-Agenten reduziert. Die Umstände des Todes von Joe Stuntz hingegen interessierten bei Polizei und Justiz niemanden.

Leonard Peltier:

Eine der größten Polizeiaktionen der US-Geschichte richtete sich vor allem gegen drei AIM-Aktivisten: Bob Robideau, Dino Butler und Leonard Peltier. Die beiden erstgenannten wurden 1975 in den USA festgenommen, wurden aufgrund der offensichtlich manipulierten Beweisführung durch das FBI sowie eines anzunehmenden Rechtes auf Notwehr freigesprochen. Leonard Peltier, 1976 in Kanada festgenommen und aufgrund eindeutig durch das FBI erzwungener Zeugen-Falschaussagen an die USA ausgeliefert, wurde 1977 zu zweimal Lebenslänglich verurteilt. In diesem sowie folgenden Verfahren wurden immer wieder manipulierte Beweise der Anklage hinzugezogen, jedoch entlastende Beweise im Verfahren nicht zugelassen. Seit dem 6. Februar 1976 ist Leonard Peltier inhaftiert. Der mittlerweile 77jährige und schwer erkrankte Peltier kämpft seit nahezu einem halben Jahrhundert um einen Freispruch und auch Begnadigung, obwohl er selbst sagt, er sei nicht verantwortlich für den Tod der beiden Agenten und auch nicht der Todesschütze, und daher sei er unschuldig. Über 20 Millionen Menschen haben sich weltweit für Peltier eingesetzt, darunter zahlreiche Prominenz aus Politik, Wissenschaft, Kunst & Kultur, Nobelpreisträger*innen und führende Religionsvertreter*innen. Und längst schließen sich der Forderung und Bitte nach Peltiers Freiheit auch ganze Parlamente sowie zahlreiche Staatsanwälte und Richter aus Peltiers früheren Verfahren an, ebenso zahlreiche US-Senator*innen. Und dennoch beharrt das FBI auf seine selbst fabrizierte, auf Lügen, Erpressungen und Einschüchterung basierende beruhende Anklagekonstruktion und zwar so erfolgreich, dass bislang weder das US-Office of Pardon Attorney noch einer der US-Präsidenten von ihrem Recht auf Begnadigung Gebrauch gemacht haben. Dabei bietet gerade der Fall Peltiers hierfür zahlreiche Möglichkeiten (Pardon, Clemency, Executive Clemency, Compassionate Release) Aufgrund unserer eigenen langjährigen Recherchen (siehe M. Koch/M. Schiffmann: Ein Leben für die Freiheit-Leonard Peltier und der indianische Widerstand, 2016 & 2017, TraumFänger Verlag) kann davon ausgegangen werden, dass die wahren Gründe für Peltiers anhaltende Haft in den illegalen Machenschaften innerhalb der US-Polizei inklusive Bundespolizei, der US-Justiz und der US-Politik liegen, die deren Verantwortlichkeit für die Gewalteskalation in der Pine Ridge Reservation verdecken sollen. Wie formulierte es einmal der AIM-Mitgründer Dennis Banks (1937-2017): „…wir waren im Krieg und im Krieg sagst du nicht wer schießt, wer auf wen schießt, …Dies war ein Krieg, ein Krieg der vor hunderten und hunderten Jahren begann und immer noch anhält. Wir sind das Ziel des längsten unerklärten Krieges in der Geschichte der US – Regierungen….Leonard Peltier ist ein großer Krieger. Er ist wie all die anderen, die im Camp lebten. ..Sie hörten den Ruf der Bevölkerung. Sie kamen um den Menschen beizustehen. Und so ist dies auch zu erinnern. Dies ist die einzige Art dies zu erinnern. Da war ein Krieg am Laufen, Ja, und wir haben hierauf entsprechend geantwortet…..Es waren nicht wir, die diesen Krieg begannen, es war das FBI!“  Dennis Banks am 4.10.2013 vor dem International Peoples Tribunal on Leonard Peltier in Green Bay/Wisconsin

Europäischer Aktionsmonat anlässlich des Oglala Commemoration Day/Leonard Peltier Day 2022:

Es ist in 47 Jahren dem FBI, der US-Justiz und auch der US-Politik nicht gelungen, die Öffentlichkeit von der Schuld Leonard Peltiers und des AIM an dem Tod der beiden FBI-Agenten Coler und Williams zu überzeugen. Umgekehrt, immer mehr Menschen zweifeln an der offiziellen Version der damaligen Geschehnisse. Immer mehr Menschen fordern weltweit die Freiheit Peltiers und die Aufdeckung der tatsächlichen Abläufe des 26.6.1975. Es ist dem FBI und der US-Justiz nicht gelungen, Peltier und das Unrecht, das diesem sowie „seinem Volk“ (zit. LP) angetan wurde vergessen zu machen und Peltier aus dem Bewusstsein der Menschen zu verdrängen. Leonard Peltier und der Kampf der Indigenen für ihre Rechte und Belange leben und diese Kämpfe gehen weiter. Und solange es diese Kämpfe gibt, werden diese Kämpfe weltweit unterstützt werden. Ein Beispiel von vielen mag der diesjährige Europäische Aktionsmonat anlässlich des Oglala Commemoration Days sein, der erstmals 2013 durch das Oglala-Sioux Tribal Council als Leonard Peltier Day ausgerufen wurde und an dem sich außerhalb der USA und Kanada dieses Jahr u.a. 9 Organisationen aus 5 europäischen Staaten mit über 20 Aktionen/Veranstaltungen in 13 Städten beteiligen. Beteiligt sind das Comitato di Solidarietà con Leonard Peltier di Milano (Italien), das Comité de Solidarité avec les Indiens des Amériques  – CSIA-NITASSINAN (Frankreich), das Internationale Komitee für die Indigenen Amerikas –Incomindios (Schweiz),  das Comitè Solidaritat amb Leonard Peltier (Spanien/Katalonien), der Verein zur Unterstützung indigener Sozial-, Umwelt-, Kultur- & Menschenrechtsprojekte und Leonard Peltier Support Group – Tokata – LPSG RheinMain e. V, (Deutschland), regionale Gruppen der Gesellschaft für bedrohte Völker – GfbV, verschiedene lokale europäische Mumia Abu-Jamal Bündnisse, lokale Gruppen des Freundschaftsvereins Kuba-BRD sowie die European Alliance for the Self Determination of Indigenous PeopleS (ein Zusammenschluss von 7 NGOs aus 4 europäischen Staaten). Allen Gruppen und beteiligten Personen möchten wir für diesen gemeinsamen europaweiten Aktionsmonat danken.


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