Gedanken, wenn die Nacht am Dunkelsten ist (zum Internationalen Tag der Flüchtlinge)

Wenn heute im Heute Journal oder in den Tagesthemen zum Internationalen Tag der Flüchtlinge berichtet wird, dann spülen wir die Zahl “100 Millionen” mit einem Schluck kühlenden Bieres oder organic fairtraded teas herunter – nur nicht daran ersticken. Eine Zahl ist eine Zahl und sagt unendlich viel und zugleich gar nichts. Die Zahl reduziert menschliche Schicksale, jedes einzelne dieser 100 Millionen Schicksale zu einer Nachricht. Sender-Empfänger-Stimulus-Reaktion – nein, die Lerntheorie versagt, so wie der Mensch versagt, wie die Mehrheit der Menschen versagt anlässlich dieser Dimension von Not, Elend und Grauen. Die Zahlen verdinglichen die wahren Opfer, während die Mehrheit mal wieder politisch-moralisch-emotional regrediert: wer hat Angst vor dem scharzen Mann? Doch wir sind ja mittlerweile genderfähig. Wer hat Angst vor dem scharzen Mann, der schwarzen Frau, dem schwarzen Kind? Oder dem barunen, dem gelben, dem roten….? Und so wähnt sich jene Mutante, die historisch pochend auf WHITE SUPREMACY, auf die damit scheinbar verbrieften göttlichen Rechte auszubeuten, auszurotten, zu kolonialisieren, diskriminieren, nun selbst als Opfer. Als Opfer von Umvolkung, von Überfremdung, von Überforderung, von Einwanderung. Die Angst frißt die Seele (falls vorhanden) auf. Auf dem freien Markt, den die Liberalen so gerne reklamieren, taucht ein Gespenst der Konkurrenz auf: um Arbeitsplätze, Wohnungen, Sozialleistungen, Frauen…….Da schrumpft das Herz zur gläsernen Murmel -hart, durchschaubar und zerbrechlich zugleich. Und da blöken die Unschuldslämmer deutscher Leid- oder Leitkultur “das Boot sei voll”, während unser Lebensstandard auf eben genau den wahren Fluchtursachen basiert: Ausbeutung, Kolonialisierung, Kriege, Desinteresse, Gleichgültigkeit. Und hören in Dresden die selbsternannten Nachfahren der Dichter und Denker zum Thema “Flüchtline auf dem Mittelmeer” immer wieder skandieren: absaufen-absaufen-absaufen. Und das “Dichter und Denker” kein Qualitätsbegriff ist und Rassimus und Faschismus längst kein Privileg der Deutschen mehr, beweist ebenfalls in Dresden der Autor Akif Pirinçci.

Mein Zorn weicht für kurze Zeit einer tiefen Traurigkeit,

wir sehen verhungernde Menschen und Vieh beim täglichen Abendbrot

wir ertränken Ertrinkende in den hintersten Kammern unserer Wahrnehmung

wir äußern Unverständnis und Abscheu über die allgegenwärtige Gewalt

die mit deutschen Waffen eine blutige Schneise durch die Humanität zieht

wir diskutieren in Kneipen und philosophischen TV-Sofa-Nischen (leider kein Loriot) über Krieg und Frieden,

wir kritisieren all die Barbaren genüsslich klug beim Cocktail auf den Balearen

wir geben mal wieder kluge Ratschläge all jenen die barfuss durch die Höllenfeuer dieser Erde gehen

und berufen uns dabei wahlweise auf all jene großen Geister, die niemals eine Barrikade aus der Nähe sahen und aus einem Blechnapf fraßen

dabei kennt unsere Menschlichkeit keine Grenzen,

empfehlen bedingungslose Gewaltfreiheit statt zum weltweiten Sturz aller Tyrannen und Tyranneien aufzurufen

verweisen auf die Mitschuld unseres Staates

anstatt selbst aktiv zu werden

empfehlen mehr zu lesen

als gegen Barbarei zu handeln.

Gedanken einer Nacht des ausklingenden Internationalen Tages der Flüchtlinge. 100 Millionen – wieder unterteilt in Flüchtende erster, zweiter, dritter Klasse. Außerdem Kriegsflüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, Umweltkatatrophen-Flüchtlinge, politische Flüchtlinge, religiöse Flüchtlinge…wir erschöpfen uns in solche Unterscheidungen, um das dahinter liegende Grauen und auch unsere eigene Mitverantwortung nicht zu sehen. (sarkastische Anmerkung: wenn Kapitalflucht zur Kapitalistenflucht würde, gerne auch zum Mars, hätte ich tatsächlich nichts dagegen). In diesem Sinne sind diese Zeilen und der Song RELOCATED (siehe Link) all den Flüchtenden, Vertriebenen, Zwangsumgesiedelten und deren Helfer*innen gewidmet.


https://www.dropbox.com/s/f1iru4388lyu1hd/13A22C57-5F83-4EF2-BD59-AB290D64F994.mov?dl=0#

(recorded live on Mai 31st in Offenbach am Main/Germany together with Wade & Quintin Fernandez)


Lyrics:

Relocated (words/Music by M. Koch)

Crying babies on their dying mothers side in deep snow     G    Em

Breathless elders unable hundreds miles to go

Sick men and women executed, echoes of shots sustainable in my ears

When some thousands Cherokee, Choctaw, Chickasaw and others lost their lives on the trail of tears

Refr.: Relocated, so far away from home  relocated     C   G  C  G  Em

Sacred Mountains turned into coal mines down in Arizona State

So 14.000 Navajo people must be relocated

Companies and governments together against indigenous rights

Just for profits and an ocean of big city lights

Refr.: Relocated, so far away from home  relocated

Sitting around the family table, outside icy cold, inside so beautiful warm

Drinking organic fair trade tea and pretend never other people harm

But the power plant using Columbian coal, coal soaked by indigenous blood

Hundred thousand indigenous must leave their ground, 40.000 were shut

Refr.: Relocated, so far away from home  relocated

Expropriation, relocation and more than 300 demolished towns

The last protectors of woods and villages were beaten by police down

All for profits and companies, in northwest Germany today

That´s the price for our life style we have to pay

Refr.: Relocated, so far away from home  Relocated, Lützerath, Keyenberg we fight for you

On Some day Mother Earth will turn around

And with a softly smile wipe off us from her ground

Asking “haven´t you seen the writing on the wall”

Sorry folks – it’s to late now – I relocate you all

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