On the Road again: erneute Gedanken und Gefühle von der zweiten Ukraine-Hilfsfahrt zwischen Zweifeln, Trauer, Wut und Zorn

Es ist gerade einen Monat her, seit dem unsere erste Hilfsfahrt Richtung Ukraine endete. Und seit dieser Zeit wohnt bei uns auch ein junges ukrainisches Paar, für die wir nun auch eine Wohnung finden konnten (siehe auch https://www.leonardpeltier.de/9984-gedanken-von-unterwegs-eine-reise-zwischen-zorn-entsetzen-und-trauer-aber-auch-power )War diese erste Fahrt vor allem noch eine private Initiative unserer Familie, natürlich mit “a little (big) help from our friends”, deren Sachspenden unseren Wagen mehr als füllten, so erhielten wir nun vor allem Geldspenden, von denen wir dann die uns aus der Ukraine gemeldeten Bedarfe besorgten: Medikamente & Verbandsmaterial und vor allem Blutschnellabbinder, Trinkwasseraufbereitungs-Anlagen, Camping-Toiletten, Klappspaten, Tactical Boots, Kleidung, Powerbanks etc.

Und natürlich war wieder fast die gesamte engere und weitere Family an der Aktion beteiligt. Außerdem hat sich hier in Seligenstadt mittlerweile eine Solidaritäts-Szene rund um die hier bereits angekommenen Flüchtlinge gebildet. Auch aus diesen Kreisen kamen Spenden. Weiterhin von guten Freunden, Musiker*innen und auch Vereins-Mitgliedern sowie – Unterstützer*innen (Tokata-LPSG RheinMain e. V.). Aufgrund der ersten Fahrt gab es nun bereits eine Infrastruktur für die Aktion: Quartiere auf polnischer Seite, Ortskenntnisse im Grenzbereich Ukraine/Polen, erweiterte Kontakte zu unseren ukrainischen Partner*innen und Freund*innen. Dementsprechend recht gut vorbereitet, startete am 7. April die Fahrt Nr. 2. Doch im Unterschied zur ersten Fahrt, bei der eine vierköpfige Flüchtlingsfamilie nach Deutschland mitgenommen wurde, nahm ich dieses Mal eine ältere ukrainische Frau mit, die mit ihrer Tochter und Enkeltochter in Seligenstadt seit kurzem lebte. Da ihr 82jähriger Mann nicht mitkam und auch ihr Sohn in Mariupol geblieben ist, wollte sie zu diesen wieder zurück, vor allem um sich um ihren Mann zu kümmern. Sie wusste (auch in diesem Artikel nennen wir wieder keine Namen), dass dies eine sehr gefährliche Reise sein würde. Doch weder ihre Tochter und Enkelin, unsere polnischen Quartiersgeber und ukrainischen Freunde oder wir konnten sie von dieser Entscheidung abhalten. Es war ihre Entscheidung und wir respektierten diese, allerdings verbunden mit dem Angebot, jederzeit mit ihrem Mann sich melden zu können, damit unsere Partner sie bei der erneuten Flucht unterstützen und uns ggf. an der Grenze übergeben. Bei ihren Schilderungen des bisher Erlebten, kamen ihr immer wieder die Tränen, wofür sie meinte sich entschuldigen zu müssen. Um ehrlich zu sein, hatte ich in diesen Momenten der Begegnungen und erneuten Berichte (auch von weiteren Personen) mehr als genug damit zu tun, meine eigene Betroffenheit und meine eigenen Tränen zu verbergen. Es waren nicht nur Tränen ob des gehörten Elends und der Not und menschlicher Anteilnahme. Es waren auch Tränen der Wut, des Zorns und der Ohnmacht, diesem Grauen kein Ende setzen zu können. Und es waren auch Tränen der Ratlosigkeit in Anbetracht der weltweiten Bürgerkriegskonflikte, Genozide, Repressionen, Hungersnöte, Umweltzerstörungen. Die Herrschaftsinteressen der Tyrannen und Despoten einerseits und die Profitinteressen sowie die Gleichgültigkeit der Speckgürtelstaaten und deren Wohlstandsbewohner*innen andererseits bedingen sich gegenseitig immer wieder bestens.

Allerdings bildeten sich solche Gedanken meist erst am späten Abend und nachts, wenn die täglichen Anspannungen und Bilder und Eindrücke sich setzten. In solchen Momenten half dann manchmal das Suchen nach neuen Gitarrenakkorden für neue Songs über die eigene Verzweiflung und Hilflosigkeit hinweg, …. Kurz vor der Grenze zur Ukraine besorgten wir noch einen Stapel Powerbanks. Dies war dann aber auch meine letzte finanzielle Transaktion, denn ich hatte zwar ausreichend Geld auf dem Konto, allerdings mein wöchentliches Limit somit überschritten. Nun stand ich an der ukrainischen Grenze, geldlos….die letzten Euro in Zloty zwecks Tanken umgetauscht. Kein Geld mehr um für Flüchtende Erstausstattung zu besorgen, ihnen bei der Fahrt nach Deutschland Übernachtung zu zahlen (auch nicht für meine eigene Übernachtung) und außerdem war es bereits später Abend, denn unsere ukrainischen Freunde kamen doch erst gegen Abend an der Grenze zwecks Übergabe der Hilfslieferung an. Es war mal wieder meine Tochter, die das Unmögliche schaffte, nämlich in Görlitz ein Hotel zu finden, das Ukrainehelfer*innen Übernachtung gratis anbietet.

Am Sonntag, den 10.4. endete dann nach erneuten 2.700 km Fahrt unsere zweite Hilfslieferung. Und wieder erhielten wir schnell Rückmeldungen betreffend den Einsatz der Spenden. Die Campingtoilette ging an Leute, die seit Wochen keine Toilette mehr gesehen haben. Mit den Trinkwasser-Aufbereitungssets hattten Menschen seit Wochen erstmals wieder klares, sauberes und keim- und virenfreies Wasser zu trinken. Davor tranken viele aus Pfützen, Heizungsrohren …… und dies hier ganz nahe bei uns.

Ja, es bleiben Trauer und Fassungslosigkeit über diese Kriegsverbrechen und diesen verbrecherischen Krieg, aber ich mag darüber nicht die anderen Kriege vergessen. Es bleibt Wut und Zorn auf die Verantwortlichen und Ausführenden, doch vergesse ich darüber auch nicht all das Grauen, dass durch andere Staaten angerichtet wurde und wird: die Bombadierung kurdischer Dörfer, Aleppo, den Napalmhagel auf Afganistan durch die Sowjetunion und auf Vietnam durch die USA, die Hungersnöte in Bangaladesh und Biafra, den Polizeiterror in Belarus und Hongkong und und und. Und es bleibt der Zweifel, ob wir Zweibeiner tatsächlich die Krone der Schöpfung oder Evolution sind oder eher deren Abfallprodukt. Und nun, was tun? Zähne zusammen und weiter machen, denn es gibt keine Alternative zum kompromisslosen Kampf für eine gerechtere, humanere und friedlichere Welt. Und so ist nach der Fahrt bereits wieder vor der nächsten Aktion. Bereits vor der Abfahrt entstand gemeinsam mit uns unterstützenden Musiker*innen die Idee ein Benefizkonzert zu organisieren. Am 26.April 2022 findet dieses nun in Offenbach am Main statt. Mehr hierzu bald auch online.

Bleibt mir abschließend wieder nur all jenen zu danken, die es möglich machten, wieder mit vollem Wagen Richtung Ukraine zu fahren: meiner Familie, Freund*innen, Seligenstädter Nachbarn, Musiker*innen aus dem Rhein-Main-Gebiet und Mitgliedern und Unterstützer*innen unseres Vereins TOKATA-LPSG RheinMain e. V., wobei eine große/großartige Spende sogar aus Texas/USA kam. Danke euch allen, ihre macht uns Mut und gebt uns die Kraft weiterhin zu helfen und zu kämpfen. Und diesen Mut und diese Kraft geben wir damit an jene Menschen weiter, die vor Ort helfen aber auch die dort unter dem Kriegsterror leiden.

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