Mahnwache für Mumia (aus Junge Welt / 06.07.2026 / Ausland / Seite 6)
Todesurteil für US-Bürgerrechtler am 3. Juli 1982: Aktivisten fordern Freilassung und
Gedenktag
Von Jürgen Heiser
Die Absage der für Sonnabend in Philadelphia geplanten Jubiläumsparade zur
Kampagne »America 250« wegen der extremen Hitzewelle erfüllte die Kritiker
der Jubelfeiern mit Genugtuung. Schließlich sollte die Parade in der Stadt
stattfinden, in der die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde.
Indigene, Afroamerikaner, Puertoricaner und weitere Angehörige der
lateinamerikanischen Diaspora in den USA stehen für das »andere Amerika« –
für sie ist der 4. Juli kein Tag zum Feiern. Ebenso wenig für die über zwei
Millionen Häftlinge im US-Gefängnissystem und politischen Gefangenen wie
den Bürgerrechtler und ehemaligen Black-Panther-Aktivisten Mumia Abu-
Jamal. Zu seiner Unterstützung fand am Montag und Dienstag letzter Woche
eine 24-stündige Mahnwache an der Gedenkstätte des Octavius-Catto-Denkmals
vor dem Rathaus von Philadelphia statt. Der Afroamerikaner Octavius V. Catto
(1839–1871) war ein Vorkämpfer der schwarzen Freiheitsbewegung in
Philadelphia, der von weißen Rassisten erschossen wurde.
Es ist also ein historischer Ort, an dem ein Bündnis der Solidaritätsbewegung
die prekäre Lage Abu-Jamals wieder ins Bewusstsein brachte und der
Forderung an das Stadtparlament Nachdruck verlieh, den 3. Juli künftig
offiziell zum »Mumia Liberation Day« zu erklären. Am 3. Juli 1982 wurde der
Radiojournalist, der sieben Monate zuvor durch Polizeigewalt schwer verletzt
und verhaftet worden war, nach einem kurzen Prozess unter dem für Militante
der »Black Panther Party« obligatorischen Vorwurf des »Polizistenmordes«
zum Tode verurteilt.
Gabriel Bryant, Sprecher der örtlichen Unterstützergruppe, hatte dazu
aufgerufen, sich dem Protest anzuschließen, »um auf Mumias kritische
Gesundheitssituation sowie die weitverbreitete Misshandlung älterer Häftlinge
in den Gefängnissen Pennsylvanias aufmerksam zu machen«. Nach 44 Jahren
Haft »müssen wir Mumia endlich nach Hause bringen«, betonte Bryant.
In ihren Redebeiträgen auf der Kundgebung erklärten Mitglieder des
Bündnisses angesichts der »seit über vier Jahrzehnten andauernden Debatten«
über den Fall, dass Abu-Jamals Verurteilung nur durch polizeiliche
Manipulationen, Voreingenommenheit der Justiz sowie die öffentliche
Vorverurteilung möglich gewesen sei. Terri Maurer-Carter, seit den 1990er
Jahren Zeugin der Verteidigung und Gerichtsstenographin im Prozess von 1982,
berichtete, dass Richter Albert Sabo in einer Pause gesagt habe, er werde der
Anklage helfen, den »Nigger« auf dem elektrischen Stuhl »zu grillen«. Ihre
Aussage im Berufungsverfahren sei jedoch ignoriert worden.
Zwar wurde Abu-Jamals Todesurteil 2011 in lebenslange Haftstrafe
umgewandelt, doch das Bündnis kritisiert, dass eine vorzeitige Entlassung auf
Bewährung ausgeschlossen wurde und das dem »langsamem Tod«
gleichkomme. Menschenrechtsorganisationen hätten stets die schlechte
medizinische Versorgung Abu-Jamals und seine Haftbedingungen angeprangert,
insbesondere die fast drei Jahrzehnte andauernde Isolierung im Todestrakt. Das
Bündnis forderte die Abgeordneten des Stadtparlaments auf, »diese Bedenken
öffentlich zu teilen und zu einem erneuten Dialog über die historische Rolle der
Todesstrafe in Philadelphia beizutragen«.
Nach den Reden und in der Nacht wechselten sich Musik-, Poetry- und
Gesangsbeiträge mit Lesungen aus Abu-Jamals reichhaltigem Werk von
Büchern, Essays und Kolumnen ab. Zitiert wurde aus seinem 1995
erschienenen Buch »Aus der Todeszelle« der Essay »Welche Bedeutung hat der
4. Juli für einen Gefangenen?« Darin kommt der Freiheitskämpfer Frederick
Douglass zu Wort, der die Feiern zum 4. Juli im Jahr 1852 wegen der Sklaverei
als »Schwindel«, die vielgerühmte Freiheit als »lästerliche Ausschweifung« und
den Nationalstolz der USA als »aufgeblasene Eitelkeit« brandmarkte. Douglass
schloss mit den Worten, weltweit gebe es »nicht eine Nation, die entsetzlicherer
und blutigerer Taten schuldig« sei als die Vereinigten Staaten.
https://www.jungewelt.de/artikel/525481.usa-mahnwache-für-mumia.html

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